Deutscher Gewerkschaftsbund

04.04.2024
#schlaglicht 12/2024

Tarifverträge: Kernprodukt für Gute Arbeit

Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für Familie und Freizeit: Tarifverträge lohnen sich und sorgen für eine gerechtere Arbeitswelt. Doch zu viele Arbeitgeber entziehen sich ihrer Verantwortung. Es ist Zeit für eine Tarifwende, meint das #schlaglicht 12/2024 aus Niedersachsen.

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Teaser Tarifwende

DGB via Canva.com

Es sollte zwar bekannt sein, aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Tarifverträge zahlen sich aus. Jüngst hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass bis jetzt 78 Prozent aller Tarifbeschäftigten eine steuer- und abgabenfreie Inflationsausgleichsprämie erhalten haben. Im Durchschnitt lag der Auszahlbetrag bei 2.761 Euro. Den Gewerkschaften ist es hierdurch gelungen, einen Teil der durch die hohen Inflationsraten entstandenen Einkommensverluste aufzufangen. Gerade untere Tariflohngruppen wurden so wirksam entlastet.

Mehr Geld durch Tarifverträge

Doch von gewerkschaftlichen Interessenvertretungen abgeschlossene Tarifvereinbarungen sind nicht nur bewährte Kriseninstrumente. Sie sorgen allgemein für höhere Entgelte und bessere Arbeitsbedingungen. Bei niedersächsischen Vollzeitbeschäftigten, die in tarifgebunden Betrieben tätig sind, landen pro Monat durchschnittlich 900 Euro mehr oben auf der Gehaltsabrechnung als bei jenen, die ohne Tarif arbeiten müssen (siehe Grafik). Die Chancen auf ein Urlaubs- und Weihnachtsgeld verdoppeln sich nahezu. Ebenso profitieren Tarifbeschäftigte von vorteilhafteren Regelungen bei der Altersversorgung, bei Zuschlägen oder beim Krankengeldzuschuss.

Gute Arbeit durch weniger Arbeit

Gleichzeitig sind Tarifverträge echte Zeitkünstler, die Spielräume für Familie, Freunde und Erholung eröffnen. Während der gesetzliche Jahresurlaub nur 24 Werktage beträgt, sind es bei tarifierten Arbeitsverhältnissen oft bis zu 30 Urlaubstage. Die zulässige wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden ist bei Tarifverträgen unbekanntes Terrain. Zudem ermöglichen sie Arbeitszeitreduzierungen in Branchen mit Transformationsdruck oder Wahloptionen zwischen Geld und Freizeit.

Grafik "Tarifvorteil von niedersächsischen Vollzeitbeschäftigten"

DGB

Sozialer Konsens zunehmend brüchig

Allerdings sieht sich das Tarifvertragssystem durch die fortgesetzte Tarifflucht vieler Arbeitgeber einer schleichenden Erosion ausgesetzt, so dass nur noch rund die Hälfte der Beschäftigten von ihm erfasst wird. Die Folgen sind einschneidend: Durch niedrigere Löhne in tariflosen Betrieben gibt es weniger Verteilungsgerechtigkeit, bei parallel geschwächter Massenkaufkraft. In Niedersachsen werden Milliardenausfälle in den Sozialsystemen und bei der Einkommensteuer verursacht. Und von fairen, weil gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer, kann keine Rede sein.

Starke Gewerkschaften bestes Gegenrezept

Um für eine bessere Arbeitswelt zu sorgen, muss die Tarifbindung wieder steigen. Dafür sind starke Gewerkschaften eine wichtige Voraussetzung. Nur vereint, nicht vereinzelt, können die Beschäftigten ihre Interessen gegenüber der Arbeitgeberseite durchsetzen. Vor allem auch die Tarifkämpfe der jüngeren Vergangenheit haben im Niedriglohnsektor eine positive Wirkung entfaltet.

Mehrheit wünscht politische Maßnahmen

Zusätzlich steht auch die Politik in der Pflicht. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage wünschen sich 62 Prozent der befragten Beschäftigten, dass der Staat sich stärker für eine höhere Tarifbindung einsetzen soll. Mit der Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen, einer reformierten Allgemeinverbindlicherklärung und der kollektiven Nachbindung und Nachwirkung abgelaufener Tarifverträge liegen bereits gute Vorschläge auf dem Tisch. Genau jetzt, 75 Jahre nach Einführung des Tarifvertragsgesetzes, ist der richtige Zeitpunkt für eine Tarifwende.