Deutscher Gewerkschaftsbund

29.08.2019
#schlaglicht 30/2019

Der Tarifflucht auf der Spur: Tatort Einzelhandel

Dem Einzelhandel geht die Tarifbindung flöten. Kaum ein Drittel der Betriebe in Niedersachsen zahlt noch nach Tarif. Die Lasten tragen die Beschäftigten - jetzt und auch später bei der Rente. Wie die Bundesregierung gegensteuern kann, erklärt das #schlaglicht Nummer 30/2019.

Warteschlange an Supermarktkasse

DGB/Colourbox.com

Folgende Situation dürfte bekannt sein: Weil am Sonntag Besuch erscheint, wird der Vortag in der Küche verbracht, um den Gästen ein schönes Essen zu bereiten. Aber während sich die Küchenschlacht dem Ende zuneigt, machen sich ein paar fehlende Zutaten bemerkbar. Aber kein Problem, der Gang in den Supermarkt ist meistens nicht weit. Dort sind hinter der Theke oder der Kasse die Beschäftigten oft bis in den späten Abend für die Kundschaft im Einsatz. Gleiches gilt für unzählige andere Geschäfte des Einzelhandels. Leider wird dieses Engagement oft nicht durch gute Löhne und Arbeitsbedingungen honoriert. Denn seit Jahren ist der Einzelhandel Tatort einer massiven Tarifflucht.

20 Jahre Tarifflucht - die Kosten tragen die Beschäftigten

Spurensuche: Seit zwei Dekaden entziehen sich viele Arbeitgeber systematisch den Flächentarifverträgen. Das gilt besonders für den Einzelhandel. Dort war es bis 1999 Konsens zwischen den Tarifpartnern, den Wettbewerb nicht über die Personalkosten auszutragen. Die Tarifverträge galten als allgemeinverbindlich und alle Betriebe mussten sich an die vereinbarten Konditionen halten. Dann folgte mit dem Jahr 2000 die Ursünde. Die Arbeitgeber kündigten den Konsens und verweigerten die Beantragung der Allgemeinverbindlichkeit der neuen Tarifverträge. Als Folge scherten immer mehr Betriebe aus der Tarifbindung aus. Der Preiskampf wird seitdem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgefochten!

Kaum ein Drittel in Tarifbindung

Die Daten sind eindeutig: In Westdeutschland sind nur noch 38 Prozent der Beschäftigten durch ein tarifvertraglich ab-gesichertes Arbeitsverhältnis geschützt. Im Branchenvergleich gehört der Einzelhandel damit zu den Schlusslichtern (siehe Grafik). Und Niedersachsen ist hier keine Ausnahme: Von den 39.000 niedersächsischen Einzelhandelsbetrieben wenden gerade einmal 12.000 einen Tarifvertrag verbindlich an. Das ist weniger als ein Drittel und ein neuer Tiefststand. Von ihrer so oft mit Inbrunst vorgetragenen Verantwortung wollen viele Arbeitgeber nichts wissen, wenn es zählt.

Vergleich der Tarifbindung der Beschäftigten nach Wirtschaftszweigen

DGB

Der Verlust eines Tarifvertrages hat für die Beschäftigten ernste Konsequenzen. Sobald Betriebe nicht tarifgebunden sind, fallen die Löhne um bis zu einem Drittel geringer aus. In Niedersachsen arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel im Niedriglohnsektor. Das schränkt nicht nur ihre jetzigen Teilhabechancen ein. Denn die Rente ist das Spiegelbild des Arbeitslebens. Schlechte Bezahlung erhöht automatisch das Risiko der Altersarmut. Das betrifft vor allem Frauen, weil viele von ihnen in der Teilzeitfalle feststecken oder dank der Minijob-Epidemie kaum genug einzahlen. Keine guten Aussichten für die Rente!

Auftrag an die Bundesregierung: Grundrente und Allgemeinverbindlichkeit jetzt!

Die Arbeitgeber müssen ihre Scheuklappen endlich ablegen. Tarifflucht ist kein Kavaliersdelikt. Die Beschäftigten dürfen nicht die Zeche für diese „Geiz ist geil“-Mentalität zahlen. Dagegen helfen nur branchenweite Tarifverträge. Aber auch die Bundesregierung muss handeln: Damit alle von Tarifverträgen profitieren, ist ihre Allgemeinverbindlichkeit zu erleichtern. Ebenso müssen die Blockade-Spielchen um die Grundrente ein Ende haben. Sie wird jetzt gebraucht. Die Beschäftigten des Einzelhandels, die jeden Tag in den Läden stundenlang auf den Beinen sind, haben das verdient!


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