Deutscher Gewerkschaftsbund

30.01.2020
#schlaglicht 04/2020

Niedriglöhne treiben Zweitjobs auf Rekordhoch!

Trotz guter Konjunktur hat sich der Niedriglohnsektor in Niedersachsen verfestigt. Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Beschäftigten mit einem Zweitjob ist seit 2003 um 174 Prozent gewachsen. Fast 10 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben mehrere Jobs - und das gewiss nicht aus Langeweile. Gründe, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen erläutert das #schlaglicht Nummer 04/2020.

Zu abonnieren ist das #schlaglicht unter https://niedersachsen.dgb.de/service/newsletter

Würfel bilden Schriftzug "Jobs"

DGB/60dudek/123rf.com

Es sind wirtschaftlich unruhige Zeiten. Der Brexit steht vor der Tür, die Handels- und Zollstreitigkeiten ziehen sich in die Länge und die Industrieproduktion schwächelt. Auf den Arbeitsmarkt sind diese Unsicherheiten zum Glück noch nicht durchgeschlagen. Die Beschäftigung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und ist weiterhin stabil. Welche Arbeitsplätze dabei allerdings entstanden sind, steht auf einem anderen Blatt. Ein ungeschminkter Blick offenbart die Schattenseiten des angeblichen Jobwunders.

Niedriglöhne haben sich verfestigt...
Natürlich hat der Aufschwung Wirkung gezeigt. Es sind neue Arbeitsplätze entstanden und steigende Reallöhne sorgen für mehr Geld auf den Konten der Beschäftigten. Aber nicht alle profitieren: Trotz guter Konjunktur hat sich der Niedriglohnsektor verfestigt. Allein 20 Prozent der niedersächsischen Vollzeitbeschäftigten verdienen unter 2.289 Euro brutto im Monat. Nach Abzügen bleiben kaum mehr als 1.500 Euro übrig. Doch das Leben ist teuer. Der Mietenwahnsinn treibt gerade Menschen mit geringen Einkommen an ihre finanziellen Grenzen. Unerwartete Ausgaben wie eine Autoreparatur können zum Monatsende schon mal ein Loch in die Haushaltskasse reißen. Für den kleinen Luxus eines Kurzurlaubs oder Kneipenabends sieht es oft schlecht aus.

...deshalb brauchen viele mehrere Jobs.
Diese Gemengelage hat Folgen für die Struktur des Arbeitsmarktes: Die Zahl der Beschäftigten in Niedersachsen mit einem Zweitjob ist auf ein Allzeithoch gestiegen. Fast 327.000 sind mehrfachbeschäftigt. Ein unglaublicher Anstieg von 174 Prozent gegenüber dem Jahr 2003 (siehe Grafik). Insgesamt betrifft dieser Trend fast 10 Prozent aller Beschäftigten. Und die Mehrheit hat mehrere Jobs gewiss nicht aus Langeweile. Nebenjobber erhalten in ihrer Hauptbeschäftigung im Schnitt 570 Euro weniger im Monat als andere Beschäftigte. Deshalb sind viele von ihnen genötigt, ihr geringeres Einkommen mit einem Zweitjob aufzustocken. Freiwilligkeit und Konsumrausch sind Kindermärchen!

Grafik Entwicklung der Mehrfachbeschäftigung in Niedersachsen

DGB

Zweitjobs sind längst kein Randphänomen mehr. Dieser Befund überrascht nur bedingt. Für gute Arbeit sind Tarifverträge unverzichtbar. Sie garantieren Beschäftigten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Allerdings drücken sich viele Arbeitgeber davor und flüchten sich in Niedriglöhne. Die Folge: Nur sechs von zehn niedersächsischen Beschäftigten haben ein tarifliches Arbeitsverhältnis. Dadurch sind Grauzonen entstanden, in denen prekäre Arbeitsformen wie Befristungen, Minijobs und Leiharbeit inklusive schlechter Bezahlung an der Tagesordnung sind.

Abhilfe schaffen Tarifverträge und ein armutsfester Mindestlohn!
Um diesen Negativtrend zu stoppen, sind zuerst die Arbeitgeber in der Pflicht. Es stellt sich die Frage nach ihrer sozialen Verantwortung. Abhilfe schaffen da nur Tarifverträge. Aber auch politisch ist viel zu tun: Auf Bundesebene muss der Mindestlohn armutsfest gemacht werden. 12 Euro pro Stunde ist das Ziel. Denn Billigjobs entwürdigen die Arbeit von Menschen. Die Landesregierung wiederum muss dafür sorgen, dass öffentliche Aufträge nur an Betriebe gehen, die ihren Beschäftigten Tariflöhne zahlen. Und nicht zuletzt hat sie mehr Einsatz für mehr bezahlbaren Wohnraum zu zeigen. Die Uhr tickt. Ein Job muss zum Leben reichen!

DOWNLOAD


Nach oben

DIREKT ZU IHRER GEWERKSCHAFT

social media