Deutscher Gewerkschaftsbund

15.09.2022
#schlaglicht 30/2022

Inflation: Kein Grund für Lohnzurückhaltung

Die Beschäftigten werden durch die hohe Inflation mit Reallohnverlusten konfrontiert. In Tarifverhandlungen nun von ihnen Verzicht zu fordern, ist unangebracht. Dauerhaft steigende Löhne sorgen für Entlastung, stabilisieren die Kaufkraft und sichern Fachkräfte. Deshalb muss die Tarifbindung auch politisch gestärkt werden, meint #schlaglicht 30/2022 aus Niedersachsen.

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Männlcihe Hand mit mehreren Stapeln Münzen

DGB/Papan Saenkutrueang/123rf.com

Die Bilder konnten sich sehen lassen. Zum Auftakt der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie haben hunderte Beschäftigte am Ort des Geschehens lautstark ihre Lohnforderung von 8 Prozent untermauert. Aber anstatt konstruktiv zu sein, haben die Arbeitgeber beim ersten Treffen einen katastrophalen Fehlstart hingelegt. Obwohl die Lebenshaltungskosten rasant steigen, wollen sie von einer nachhaltigen Entgeltsteigerung nichts wissen und schlagen unverhohlen eine Nullrunde vor. Ein Affront. Bei weiteren Blockaden dürfte ein heißer Herbst unvermeidbar sein.

Preise steigen – Löhne rauf

Klar ist: Für Lohnzurückhaltung gibt es keinen Grund! Viele Betriebe – nicht nur in der Metallbranche – haben die höheren Kosten an die Kundschaft weitergereicht, Rekorddividenden ausgeschüttet und satte Quartalsgewinne eingefahren. Nun von den Beschäftigten Verzicht zu verlangen und die Belastungen der Krise einseitig auf ihre Schultern abwälzen zu wollen, ist vollkommen inakzeptabel. Wenn die Preise steigen, müssen auch die Löhne rauf, um die aktuelle Situation zu entschärfen. Die Arbeitgeber müssen sich damit jetzt auseinandersetzen.

Angebotsschock statt Lohnpreisspirale

Auch das immer wieder erwähnte Schreckgespenst einer drohenden Lohn-Preis-Spirale taugt als Gegenargument nicht. Im Gegenteil: Es handelt sich um ein Ammenmärchen. Die hohe Inflation geht auf einen exogenen Angebotsschock zurück, der sich vor allem in explodieren Energiekosten und den davon stark abhängigen Lebensmittelpreisen niederschlägt (siehe Grafik). Als direkte Folge sind die Tariflöhne im ersten Halbjahr 2022 trotz nominaler Zuwächse real um 3,6 Prozent zurückgegangen. Gerade für kleine und mittlere Einkommen gehen damit deutliche Einschnitte im Alltag einher.

Entwicklung ausgewählter Verbraucherpreisindizes in Deutschland

DGB

In dieser Gemengelage heizen tabellenwirksame Entgeltsteigerungen die Teuerungen nicht weiter an, sondern sie sorgen dafür, dass die Beschäftigten und ihre Familien eine dauerhafte Entlastung erhalten und ihre laufenden Kosten besser bewältigen können. Zusätzlich wird durch höhere Löhne auch ein aktiver Beitrag geleistet, um die Kaufkraft zu stabilisieren und damit eine drohende Rezession einzu-dämmen.

Gute Bezahlung sichert Fachkräfte

Eine gute Bezahlung der Beschäftigten müsste für die Arbeitgeber in Zeiten hohen Fachkräftebedarfs ohnehin eine große Rolle spielen. Es geht um ihre Attraktivität! Nur scheint diese Botschaft nicht überall angekommen zu sein. In einem üblen Aussetzer hat sich Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer über die Höhe des geplante Bürgergeldes von 500 Euro beschwert, weil damit der Abstand zu den Löhnen in einigen Gewerken zu gering ausfallen und der Arbeitsanreiz angeblich entfallen würde. Ohne es zu bemerken, hat er damit eines der Probleme im Handwerk benannt. Wenn es die Energiewende gestalten will, sind Lohnerhöhungen das Mittel der Wahl, um ausreichend Personal an sich zu binden.

Tarifbindung politisch stärken

Kurzum: Es ist nicht angezeigt, dass die Beschäftigten nun zurückstecken sollen. Vielmehr müssen Tarifverträge als Garanten guter Entgelte gestärkt werden. Dabei kann die Politik mithelfen, indem sie öffentliche Aufträge und staatliche Fördergelder an die Tarifbindung der Betriebe knüpft sowie die Allgemeinverbindlicherklärung erleichtert. Es wür-de sich lohnen.


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