Deutscher Gewerkschaftsbund

19.09.2019
#schlaglicht 33/2019

Pflegenotstand: Es krankt an Einkommen und Personalschlüsseln!

Bestandsaufnahmen in der Pflege sind ernüchternd. Immer mehr Beschäftigte sind körperlich und mental am Limit. Das ist ein skandalöser Zustand. Denn hochmotivertes, gut bezahltes und qualifiziertes Personal wird dringend gebraucht. Das aktuelle #schlaglicht 33/2019 beleuchtet die Ursachen des Pflegenotstands. Und es zeigt auf, was die Politik gegen miese Löhne, hohen Zeitdruck und dünne Personaldecken unternehmen muss.

Weinende Pflegerin Krankenchwester im Krankenhausflur

DGB/dolgachov/123RF.com

Wohl kaum jemandem wird der Gang in ein Krankenhaus erspart bleiben. Ebenso werden viele von uns im Alter auf professionelle Hilfe angewiesen sein. In diesen intimen Situationen ist es gut, wenn qualifiziertes Fachpersonal zur Stelle ist, um uns zu betreuen und zu pflegen. Genau das leisten die Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege, die Tag und Nacht im Einsatz sind. Doch ihre Zahl ist viel zu gering, als das sie das verlangte Arbeitspensum leisten könnten. Denn in Deutschland herrscht Pflegepersonalnotstand. Die Folge: Immer mehr Beschäftigte sind körperlich und mental am Limit. Ein skandalöser Zustand!

Personalmangel hat gravierende Folgen!
Aktuelles Beispiel: In psychiatrischen Kliniken klagen mehr als drei Viertel der Beschäftigten über eine knappe oder viel zu geringe Personaldecke. Entsprechend glauben die meisten nicht, dass sie bis zur Rente durchhalten können. Dabei sind die Beschäftigten hochmotiviert. Um die Behandlung der Patienten aufrechtzuerhalten, nehmen viele von ihnen häufige Störungen ihrer Pausen oder Verschiebungen ihrer Dienstpläne in Kauf. Aber irgendwann schwinden die Kräfte, was sowohl die eigene Gesundheit als auch das Patientenwohl stark gefährdet. Die gleiche Problematik zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Pflegebereiche.

Tarifflucht der Arbeitgeber Ursache für schlechte Bezahlung
Klar ist: Um die Personalnot zu überwinden, müssen Pflegeberufe attraktiver werden. Das beginnt beim Einkommen. Trotz ihrer großen Verantwortung, sind Beschäftigte in der Altenpflege unterbezahlt. Vollzeitfachkräfte verdienen in Niedersachsen mit rund 2.500 Euro pro Monat über 500 Euro weniger als der Mittelwert aller Berufe. Noch deutlich größer ist der Abstand bei Helfertätigkeiten. Nur bei Fachkräften in der Krankenpflege sieht es besser aus (siehe Grafik). Hauptgrund für die schlechte Bezahlung ist die Tarifflucht der Arbeitgeber. Vor allem kommerzielle Pflegeanbieter wollen von Tarifverträgen nichts wissen. Bei ihnen steht der Profit, nicht der Mensch im Vordergrund!

Grafik Pflegeberufe

DGB

Die zweite Großbaustelle sind völlig unzureichende Personalschlüssel. Hierzulande muss sich eine Pflegefachkraft im Krankenhaus um durchschnittlich dreizehn Patienten kümmern. In den USA sind es gerade einmal fünf. Auch viele unserer europäischen Nachbarn sind uns weit voraus. Durch dieses Missverhältnis steigt die ohnehin schon hohe physische und psychische Beanspruchung der Beschäftigten weiter an. Überlastetes Personal erkrankt häufiger, steigt eher aus dem Beruf aus oder geht unfreiwillig in den vorzeitigen Ruhestand. Die Last für die verbliebenen Beschäftigten erhöht sich. Ein nicht enden wollender Teufelskreis.

Politik muss handeln: Tarifverträge stärken, Personalschlüssel erhöhen!
Um den Pflegenotstand zu beheben, muss viel geschehen. Besonders in der Altenpflege führt an höheren Einkommen kein Weg vorbei. Dafür ist ein Tarifvertrag auf Basis des öffentlichen Dienstes die richtige Antwort. Dazu muss die Bundesregierung den ÖD-Tarif allgemeinverbindlich erklären. Dann kann sich kein Arbeitgeber mehr vor höheren Löhnen drücken. Genauso wichtig ist die Einführung von gesetzlichen Mindest-Personalschlüsseln. Denn nur verbindliche Standards schützen vor zu großer Arbeitsbelastung. Es geht um nichts weniger als das Wohl der Beschäftigten und ihrer Patienten!

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