Deutscher Gewerkschaftsbund

06.06.2019
#schlaglicht 21/2019

Gezückter Rotstift gefährdet berufliche Bildung!

Wie gut steht es um die berufliche Bildung in Niedersachsen? Die Unterrichtsversorgung liegt mit 90,7 Prozent deutlich unter der von Gymnasien. Das spüren nicht nur die Auszubildenden, sondern auch die Lehrenden. Was die Landesregierung in ihrer anstehenden Haushaltsklausur tun muss, erklärt das #schlaglicht Nummer 21/2019.

Roter Stift auf Blatt mit Zahlenreihen; Nahaufnahme

Colourbox.de

Im politischen Betrieb herrscht bei den großen Themen selten Einigkeit. Das gilt auch in der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, wenn um die richtigen Konzepte für die Zukunft gerungen wird. Doch bei der beruflichen Bildung sieht es anders aus: Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber stimmen weitgehend überein, dass sie ein Erfolgsmodell von internationalem Rang ist. Durch ihre enge Verzahnung von Bildungssystem und praktischer Erfahrung bietet sie den Jugendlichen eine berufliche Zukunftsperspektive und den Betrieben qualifizierte Fachkräfte von morgen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, warum die Landesregierung die berufliche Bildung finanziell nicht besser ausstattet?

Lehrkräfte sind überlastet

Gute Bildung beginnt bekanntlich mit ausreichend Personal, das die jungen Menschen unterrichten kann. Doch genau da hapert es in Niedersachsen bereits gewaltig: Während die Unterrichtsversorgung an Gymnasien und Grundschulen bei über 100 Prozent liegt, müssen sich die Auszubildenden an den Berufsschulen mit unterdurchschnittlichen 90,7 Prozent begnügen (siehe Grafik). Angesichts dieser strukturellen Benachteiligung ist es nicht verwunderlich, dass sich weniger als die Hälfte von ihnen gut auf die theoretische Prüfung vorbereitet fühlt. Gleichzeitig sind viele Lehrkräfte überlastet. Der zu geringe Personalstock bei einem wachsenden Aufgabenspektrum macht sich immer mehr bemerkbar.

Unterrichtsversorgung an öffentlichen Schulformen in Niedersachsen

DGB

Der Kardinalfehler stammt bereits aus dem Jahr 2011. Die damalige Landesregierung entschied in ihren Haushaltsvermerken, die erteilten Einstellungsermächtigungen für Berufsschullehrkräfte sukzessive zurückzufahren. Weniger Ermächtigungen ziehen automatisch weniger Neueinstellungen nach sich, weil bisherige Planstellen kurzfristig wegfallen sollen. Mit dieser falschen Weichenstellung hat die Politik den Berufsschulen und allen Beteiligten einen Bärendienst erwiesen. Kürzungen bei der Bildung – egal in welchem Bereich – haben sich bisher noch niemals ausgezahlt!

Weniger Neueinstellungen bis 2020

Bis jetzt ist die Situation noch einigermaßen passabel: Weil Inklusion und der Zuzug von Geflüchteten mehr Personal erfordern, wurden die geplanten Einsparungen bisher zurückgestellt. Das hat nun leider ein Ende: Schon in diesem Jahr sind deutlich weniger Einstellungsermächtigungen vergeben worden. Statt 687 wie im Vorjahr, sind es jetzt nur noch 462. Und 2020 sollen es nochmal weniger werden, obwohl das Kultusministerium einen dauerhaften Bedarf von 550 Einstellungsermächtigungen pro Jahr für dringend geboten hält. Wieder einmal droht sich die Logik des Rotstifts auf Kosten der realen Bedürfnisse durchzusetzen.

Kultusminister muss jetzt ausreichend Mittel einfordern

Im Koalitionsvertrag räumt die Landesregierung den allgemein- und berufsbildenden Schulen den gleichen Stellenwert ein. Bei der anstehenden Haushaltsklausur des Kabinetts kann sie dieses Versprechen einlösen. Kultusminister Grant Hendrik Tonne ist gut beraten, dem Finanzminister Paroli zu bieten. Dem Sparkommissar ist die schwarze Null wichtiger als Investitionen in das eigene Personal und in die Köpfe der Zukunft. Doch nur wenn genügend finanzielle Mittel für zusätzliche Lehrkräfte bereitgestellt werden, ist der Erfolg der beruflichen Bildung nachhaltig gesichert!

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