Deutscher Gewerkschaftsbund

23.04.2020
#schlaglicht 16/2020

Erntearbeit: Hohes Gesundheitsrisiko für eine Hand voll Euro

Frühlingszeit ist Spargelzeit. Doch viele Erntehelfer - meist aus Osteuropa - können kaum von ihrer Früchte Arbeit leben. Lohndumping auf dem Feld ist ein beliebtes Spiel unter Arbeitgebern. Nicht lustig für die mobilen Beschäftigten! Zudem sind sie einem erhöhten Corona-Risiko ausgesetzt, denn sie leben und arbeiten unter katastrophalen hygienischen Zuständen - und das nicht erst seit der Krise. Gesundheitsschutz verbessern und raus aus dem Lohndumping, ist die Devise des #schlaglicht 16/2020 aus Niedersachsen.

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Nahaufnahme Hand bei der Spargelernte

DGB/Udo Herrmann/123rf.com

Die Landwirtschaft kann wieder etwas durchatmen. In den letzten Wochen herrschte nämlich wegen des Einreiseverbots von Arbeitskräften eine leichte Felduntergangsstimmung. Doch mittlerweile sollen sich tausende Menschen in Niedersachsen zum Ackereinsatz gemeldet haben. Vor allem aber hat die Bundesregierung das Einfliegen von 80.000 Saisonhelfern aus dem europäischen Ausland genehmigt. Dem Spargelstechen und Erdbeerpflücken steht damit nichts mehr im Wege. Also Ernte gut, alles gut? Keineswegs!

Ohne Saisonarbeiter aus dem Ausland geht nichts bei der Ernte

In Zeiten des Corona-Shutdowns zeigt sich einmal mehr, wer wirklich unverzichtbar für die Gesellschaft ist. Im Fall der Feldarbeit sind es nämlich die mobilen Beschäftigten. Das sind jene Arbeitskräfte, die aus dem Ausland – meistens Osteuropa – nur für eine begrenzte Zeit nach Deutschland und auch nach Niedersachsen kommen, um jedes Jahr die Hauptlast bei der Ernte zu tragen. Vielen fehlt es allerdings an den grundlegenden Rechts- und Sprachkenntnissen für den deutschen Arbeitsmarkt. Hierdurch sind sie im besonderen Maße von Ausbeutung bedroht. Und die Arbeitgeber nutzen diese Situation immer wieder leidlich aus, indem sie den Beschäftigten miese Arbeitsbedingungen aufzwingen.

Feldarbeiter sind hohem Corona-Risiko ausgesetzt

Doch damit nicht genug: Die Pandemie setzt gerade die mobilen Erntehelfer einem hohen gesundheitlichen Risiko aus. Denn die hygienischen Umstände, unter denen die Beschäftigten arbeiten und leben müssen, waren schon vor dem Corona-Virus oft unterirdisch. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Auch jetzt noch sind überbelegte Sammelunterkünfte und mangelhafte Sanitäreinrichtungen eher die Regel als die Ausnahme. Auf den Feldern fehlt es oft an ausreichenden Waschmöglichkeiten. Deshalb helfen bloße Unterweisungen in die Abstands- und Hygieneregeln auch nicht. Zusammen mit der harten körperlichen Arbeit sorgen die ungenügenden Standards für erhöhte Infektionsgefahr mit Covid-19. Im Ernstfall geht es um Leib und Leben.

Grafik "TOP 5 der Beratungsthemen bei mobilen Beschäftigen in Niedersachsen"

DGB

Obendrein werden viele mobile Beschäftigte für ihren Einsatz nicht fair entlohnt und nur mit einer Hand voll Euro abgespeist. Zwar gilt der gesetzliche Mindestlohn, aber häufig finden die Arbeitgeber in der Landwirtschaft kreative Lösungen, um ihn zu umgehen. Bei der an vier Standorten in Niedersachsen tätigen Beratungsstelle für mobile Beschäftigte der Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN können sich die Betroffenen Hilfe suchen. Bei jeder fünften Beratung spielt das Thema Lohn eine Rolle (siehe Grafik). Oft geht es hier nämlich nicht mit rechten Dingen zu, weil sich viele Arbeitgeber bestens auf üble Tricksereien verstehen!

Gesundheitsschutz stärken, Mindestlohn einhalten

Fakt ist: Der Gesundheitsschutz der mobilen Beschäftigten ist zwingend zu verbessern. Die Landesregierung muss dafür Sorge tragen, dass die geltenden Sicherheitsverordnungen auch eingehalten werden. Dafür sind mehr Unterbringungsmöglichkeiten sowie ausreichende Kontrollen sicherzustellen. Ebenso gilt: Auch die Arbeitgeber stehen in der Pflicht. Bereits vor der Corona-Krise waren die Zustände eine Zumutung. In der Landwirtschaft ist das gesamte System seit Jahrzehnten auf Billiglohn und Sozialdumping osteuropäischer Arbeitskräfte ausgelegt. Wenn sich nichts ändert, hat so manche Spargelstange einen doppelt bitteren Beigeschmack!

 

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