Deutscher Gewerkschaftsbund

15.10.2020
#schlaglicht 37/2020

Tarifflucht in Niedersachsen: Weniger Geld für mehr Arbeit

In Niedersachsen sind nur noch 56 Prozent der Beschäftigten durch Tarifverträge geschützt - und es werden immer weniger. Denn die Unternehmen begehen zunehmend Tarifflucht. Für die Beschäftigten bedeutet das für weniger Geld länger arbeiten. Das ist nicht nur ungerecht, sondern stört auch den sozialen Frieden. Das #schlaglicht 37/2020 klopft den Arbeitgebern auf die Finger und gibt der Politik praktische Handlungstipps.

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Absperrband: Tarif-Baustelle in Karlsruhe

DGB/Tim M. Carmele

Die Beschäftigten der Asklepios Kliniken Schildautal in Seesen sind wieder auf der Straße. Seit vergangener Woche befinden sie sich in einem unbefristeten Streik. Vereint kämpft die Belegschaft bei ihrem Arbeitgeber für bessere Löhne und anständige Arbeitsbedingungen durch einen Tarifvertrag. Asklepios ist in der griechischen Mythologie als der Gott der Heilkunst bekannt. Für die Beschäftigten gilt dieser Anspruch uneingeschränkt. Dagegen hat der private Krankenhauskonzern nur die reine Profitmacherei im Sinn. Seine Verweigerungshaltung gegenüber tariflichen Stan-dards lässt jegliche Wertschätzung vermissen!

Nur knapp über die Hälfte der Beschäftigten in Niedersachsen hat einen Tarifvertrag

Asklepios ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Der Klinikbetreiber befindet sich in äußerst schlechter Gesellschaft. Ob im Pflegebereich, der Fleischindustrie, im Einzelhandel oder dem Handwerk – überall gehen die Arbeitgeber auf Tauchstation und entziehen sich flächendeckend Tarifverträgen. Als Folge sind gegenwärtig nur noch 56 Prozent der Beschäftigten in Niedersachsen durch ein tarifliches Arbeitsverhältnis geschützt. Im Jahr 2002 sind es noch über drei Viertel von ihnen gewesen. Vielen Arbeitgebern scheint der soziale Kompass schlicht abhandengekommen zu sein.

Ohne Tarifvertrag klafft riesige Lohnlücke

Denn Fakt ist: Tarifverträge sind das Herzstück für gute Arbeit. In Corona-Zeiten haben sie die Einkommensverluste deutlich reduziert. Ohne läuft es hingegen schlecht für die Beschäftigten – gerade bei der Bezahlung. Ganz allgemein beträgt der Lohnrückstand von niedersächsischen Vollzeitbeschäftigten in tariflosen Betrieben unter der Beachtung struktureller Effekte 8,6 Prozent. Im westdeutschen Vergleich landet Niedersachsen damit im grauen Mittelfeld (siehe Grafik). Bei einem mittleren Bruttoentgelt von 3.930 Euro stehen zum Monatsende fast 340 Euro weniger oben auf der Gehaltsabrechnung. Über ein Jahr ergibt sich ein Betrag von mehr als 4.000 Euro. Aber durch Tarifflucht landet er ohne Umwege direkt in den Taschen der Arbeitgeber.

Grafik "Durchschnittlicher Lohnrückstand von Vollzeitbeschäftigten ohne Tarifvertrag"

DGB

Und damit nicht genug: Für weniger Geld müssen niedersächsische Beschäftigte in Vollzeit ohne Tarifvertrag auch länger arbeiten. Pro Woche sind es fünfzig Minuten. Die monatliche Rechnung liegt im Schnitt bei über drei Stunden Mehrarbeit für ein über 300 Euro geringeres Gehalt. Gute Sozialpartnerschaft zeigt sich anders, auch in der Pandemie: Durch einen aktuellen Tarifabschluss im Metallhandwerk und der Landbautechnik erhalten die Beschäftigten in Niedersachsen im nächsten Jahr nicht nur höhere Löhne. Ab 2022 können sie zusätzlich zwischen einem tariflichen Zusatzgeld oder mehr freien Tagen wählen. Chapeau!

Ein besseres Leben gibt es nur mit Tarifverträgen!

Deshalb ist es unabdingbar, die Tarifbindung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Der Ball dafür liegt im Feld der Arbeitgeber. Sie müssen sich die Frage nach ihrer Verantwortung stellen. Parallel dazu braucht es politische Flankierungen. Damit nicht weitere tariflose Enklaven entstehen, sind allgemeinverbindliche Tarifverträge zu erleichtern. Das Vetorecht der Arbeitgeberverbände muss dafür fallen. Ebenso dürfen öffentliche Aufträge nur an tariftreue Betriebe gehen. Ansonsten macht sich der Staat zum Lohndumping-Komplizen. Ein besseres Leben gibt es nur mit Tarifverträgen!


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