Deutscher Gewerkschaftsbund

09.04.2020
#schlaglicht 14/2020

Pflegepersonal: Schon vor Corona am Limit!

Das Pflegepersonal ist knapp in Krankenhäusern und Altenheimen. Zumindest in Deutschland. Hier ist das Problem größer als in anderen Ländern. Könnte etwas mit den schlechten Arbeitsbedingungen und der miserablen Bezahlung für diesen wichtigen Beruf zu tun haben, findet sich das #schlaglicht 14/2020 aus Niedersachsen und sieht einen wichtigen ersten Schritt in einem anständigen Tarifvertrag.

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Intensivpflegerin

DGB/Simone M. Neumann

Die Corona-Krise treibt mitunter wilde Blüten. Derzeit schicken Abmahnanwälte – wahrscheinlich von ihren Küchentisch-Kanzleien – Briefe in die Welt hinaus. Sie mahnen darin fleißige Nähbienen ab, weil diese ehrenamtlich Gesichtsmasken herstellen, um Versorgungsengpässe abzumildern. Wegen falscher Deklarierung soll mit der juristischen Keule praktische Hilfe ausgebremst werden? Das passiert wohl, wenn Menschen aufgrund des Shutdowns zu viel Zeit haben. Davon können viele Beschäftige in systemrelevanten Berufen – allen voran die Pflegekräfte – nur träumen. Sie sind gegenwärtig in pausenlosem Einsatz, um das Patientenwohl zu sichern. Dafür gibt es viel Anerkennung.

Personalmangel in Deutschland besonders groß

Aber man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Bereits vor der Pandemie waren die Beschäftigten – mehrheitlich Frauen – am Limit. Denn chronischer Personalmangel ist seit Jahren ihr Begleiter. Bereits 2017 hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) festgestellt, dass in deutschen Krankenhäusern für tausend Patienten nur rund achtzehn Pflegekräfte und Hebammen zur Verfügung stehen. In den meisten europäischen Nachbarländern fällt das Verhältnis deutlich besser aus. Auch die USA und Japan sind weit voraus (siehe Grafik). Nun stellt das Coronavirus einen neuerlichen Stresstest für die Pflegekräfte dar. Die Situation spitzt sich weiter zu!

Grafik "Anzahl der Pflegefachkräfte und Hebammen pro tausend Patientenfälle"

DGB

Fehlendes Personal geht zwangsläufig mit erhöhten Strapazen und gesundheitlichen Problemen für die Beschäftigten einher. Nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin klagen über 60 Prozent der Alten- und Krankenpflegekräfte über starken Termin- und Leistungsdruck. Mehr als ein Drittel berichtet von Arbeit an den Grenzen der Leistungsfähigkeit. Psychische und körperliche Beschwerden sind deutlich weiter verbreitet als in anderen Berufsgruppen. Überlastetes Personal erkrankt häufiger und steigt eher aus dem Beruf aus. Die Last für die verbliebenen Beschäftigten erhöht sich weiter. Ein Teufelskreis.

Gutes Personal braucht gute Arbeitsbedingungen

Gegen die Personalnot hilft nur eine attraktivere Kranken- und Altenpflege. Das beginnt beim Gehalt. In Altenheimen verdienen Vollzeit-Fachkräfte mit 3.100 Euro über 200 Euro weniger als in der Gesamtwirtschaft. Für Helfertätigkeiten gibt es mit unter 2.000 Euro nur Niedriglöhne. Aus Respekt für ihre Arbeit in der Krise muss die Landesregierung für alle niedersächsischen Beschäftigten in Kranken- und Altenpflegeeinrichtungen monatlich 500 Euro drauflegen. Doch für mehr Personal sind dauerhaft höhere Löhne nötig. Ihnen entziehen sich viele Arbeitgeber per Tarifflucht. Gerade private Anbieter in der Altenpflege setzen nur auf Profit. Daher verhandelt ver.di derzeit mit Arbeitgebern einen bundesweiten Tarifvertrag, den die Bundesregierung danach für allgemeinverbindlich erklären soll. So kann sich keiner drücken.

Arbeitsstandards dürfen nicht aufgeweicht werden

Völlig kontraproduktiv ist hingegen die aktuelle Aussetzung der Personaluntergrenzen in Krankenhäusern. Nur verbindliche Standards schützen sowohl die Beschäftigten als auch die Patienten gleichermaßen. Klar ist: Es ist höchste Zeit, den Personalmangel in der Pflege zu beenden. Der gesellschaftliche Rückenwind ist aktuell vorhanden. Vielleicht ist die Corona-Pandemie die wirksamste Mahnung. Leider!

 

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