Deutscher Gewerkschaftsbund

07.11.2019
#schlaglicht 40/2019

Teure Tarifflucht: Milliardenausfälle in Niedersachsen!

Tarifflucht kostet. Und zwar nicht wenig. Den Beschäftigten in Niedersachsen fehlen dadurch im Schnitt 3.500 Euro. Und auch dem Staat und den Sozialkassen entgehen Einnahmen. Warum Tarifflucht kein Kavaliersdelikt ist und was die niedersächsische Landesregierung tun muss, erklärt #schlaglicht Nummer 40/2019.

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Tendenz: roter Pfeil auf Münzen platziert zeigt nach unten

DGB/lightfieldstudios/123RF.com

Nehmen wir zwei Beschäftigte: Beide arbeiten in der gleichen Branche. Beide haben dasselbe Qualifikationsniveau. Beide erbringen Tag für Tag die gleiche Leistung. Trotzdem könnten die Unterschiede zwischen beiden kaum größer sein. Denn einer von ihnen muss für deutlich weniger Geld länger arbeiten, hat keine betriebliche Altersvorsorge und geht ohne Sonderzahlungen nach Hause. Woher kommt diese Diskrepanz? Die einfache Antwort: In einem Betrieb ist das Arbeitsverhältnis tarifvertraglich geregelt. Der andere Betrieb ist dagegen seit Jahren auf der Flucht, auf der Tarifflucht!

Flächentarifverträge nutzen Arbeitgebern und Beschäftigten
Im letzten Jahr hat die Sozialpartnerschaft ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert. Wohl kaum eine Institution hat in so hohem Maße zur Stabilität und zum sozialen Frieden der Gesellschaft beigetragen. Das sozialpartnerschaftliche Kernstück sind zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern kollektiv ausgehandelte Flächentarifverträge. Hierdurch erhalten die Beschäftigten in allen Bereichen weitaus bessere Konditionen als in tariflosen Betrieben oder wenn der Staat Mindeststandards setzt. Gleichzeitig wird durch das einheitliche Fundament der Wettbewerb in faire Bahnen gelenkt.

Ohne Tarifvertrag verdienen Beschäftigte deutlich weniger
Aber Fakt ist: In Niedersachsen machen sich mittlerweile viele Arbeitgeber einen schlanken Fuß und wollen von Tarifbindung nichts wissen. Vier von zehn Beschäftigten sind nicht durch einen Tarifvertrag geschützt. Für sie entstehen schwere Nachteile. Besonders sichtbar wird das beim Einkommen: Mit Tarifvertrag verdienen Beschäftigte monatlich im Schnitt 3.661 Euro brutto. Ohne Tarifbindung bleibt selbst unter der Berücksichtigung struktureller Effekte ein Lohnabstand von 8 Prozent. Das sind 293 Euro pro Monat und aufs Jahr gerechnet über 3.500 Euro. Ein dicker Batzen, dessen Fehlen sich in der Urlaubskasse oder bei den nahenden Weihnachtseinkäufen bemerkbar macht. Bei flächendeckender Tarifbindung hätten die niedersächsischen Beschäftigten im Jahr insgesamt 4 Mrd. Euro mehr Netto in der Lohntüte.

Entstandene Mindereinnahmen durch Tarifflucht in Niedersachsen

DGB

Aber auch dem Staat und den Sozialkassen entgehen Einnahmen
Die Arbeitgeber stopfen sich ihre Taschen allerdings nicht nur auf Kosten der Beschäftigten voll. Tarifflucht und Lohndumping sorgen automatisch für geringer Einnahmen bei der Einkommenssteuer und den Sozialversicherungen. In Niedersachsen sind die Ausfälle gigantisch. Bund, Land und den Kommunen entgehen in der Summe pro Jahr über 1,8 Mrd. Euro an Steuereinnahmen. Obendrauf kommen noch einmal fast drei Mrd. Euro an Mindereinnahmen für die Sozialversicherungen (siehe Grafik). Dieses Geld wird dringend gebraucht für den gesellschaftlichen Ausgleich, für Investitionen in Infrastruktur, Klimaschutz und Bildung.

Die Devise lautet deshalb: zurück an den Verhandlungstisch!
Angesichts dieser Fakten müssen sich die Unternehmen die unbequeme Frage nach ihrer sozialen Verantwortung gefallen lassen. Tarifflucht ist kein Kavaliersdelikt. Zurück an den Verhandlungstisch muss die Devise lauten. Aber auch die Landesregierung hat ihre Hausaufgaben zu machen. Wo Steuergelder fließen, müssen Tarifverträge gelten. Deshalb dürfen öffentliche Aufträge und staatliche Fördergelder in Zukunft nur noch an tarifgebundene Unternehmen vergeben werden. Das ist sowohl wirtschaftlich als auch sozial nachhaltig. Und das haben alle Beschäftigten schlicht verdient!

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