Deutscher Gewerkschaftsbund

10.06.2021
#schlaglicht 22/2021

Gastgewerbe: Einmal Fachkräftemangel hausgemacht, bitte!

Kneipen, Restaurants und Cafés öffnen wieder - doch es fehlt Personal. Zu lange haben die Arbeitgeber im Gastgewerbe auf Niedriglöhne, prekäre Arbeit und schlechte Nachwuchspflege gesetzt. Jetzt haben viele Fachkräfte das Weite gesucht. Ein Zukunftsplan für gute Arbeit muss her, meint das #schlaglicht 22/2021 aus Niedersachsen.

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Nahaufnahme Barista an Kaffemaschine

DGB/ufabizphoto/123rf.com

Es ist endlich losgegangen. Nach langen Monaten haben Restaurants, Kneipen und Hotels unter Auflagen wieder ihre Pforten für die Kundschaft geöffnet. Für die Beschäftigten und die Betriebe ist das ein gutes Signal. Schließlich wurde wohl keine Branche – neben Teilen des stationären Einzelhandels – mit größerer Härte von der Pandemie und den Lockdown-Maßnahmen getroffen als das Gastgewerbe. Entsprechend groß waren auch die finanziellen Belastungen für alle Beteiligten. Mit der Sommersaison lässt sich wieder ein wenig optimistischer in die Zukunft blicken.

Viele Fachkräfte haben das Gastgewerbe verlassen

Doch nun müssen ausgerechnet die Arbeitgeber selbst Wasser in den Wein gießen. Lange hatten sie auf Öffnungen gedrängt. Jetzt melden aber viele Betriebe, dass nicht genügend Personal vorhanden ist, um die Gäste zu bedienen. Nach offiziellen Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) haben 325.000 Beschäftigte im letzten Jahr der Branche den Rücken gekehrt. Allein in der Region Hannover sollen knapp 3.600 Fachkräfte fehlen. Ein gewaltiger Aderlass, der die Branche hart trifft.

Personalmangel ist selbstverschuldet

Zuviel Mitleid wäre allerdings übertrieben. Jahrelang haben die Arbeitgeber im Gastgewerbe kaum etwas für ihre eigene Attraktivität getan. Der Fachkräftemangel ist in erster Linie hausgemacht! Stichwort Bezahlung: Durch Tarifflucht kommen nicht mal vier von zehn Beschäftigten in den Genuss eines Tarifvertrages. Mit einem durchschnittlich gezahlten Bruttostundenlohn von 13,43 Euro lag die Branche 2019 – dem letzten Vor-Corona-Jahr – in Niedersachsen eindeutig auf dem letzten Platz (siehe Grafik). Damit bleibt schon unter normalen Umständen wenig Geld für das Personal zum Leben übrig. Wegen des noch geringeren Kurzarbeitergeldes haben daher viele in der Krise den Absprung gesucht.

Grafik "Durchschnittliche Bruttostundenlöhne nach Branchen in Niedersachsen"

DGB

Auch sonst bekleckert sich die Branche alles andere als mit Ruhm. Große Fragezeichen löst insbesondere die Verschiebung der Beschäftigungsstruktur im niedersächsischen Gastgewerbe aus. Die Teilzeitarbeitsverhältnisse haben sich in der letzten Dekade verdreifacht. Von den rund 200.000 Beschäftigten waren vor Corona über 50 Prozent in prekären Minijobs tätig. Vollzeitstellen machen inzwischen weniger als ein Viertel der Gesamtbeschäftigung aus. Dauerhafte Perspektiven werden den meisten Menschen also nicht geboten. Wer will sich da über ihren Ausstieg wundern?

Hohe Abbrecherquote bei Ausbildung

Zumal die Unzufriedenheit oft schon bei der Ausbildung beginnt. Nirgendwo fällt das Fazit der Azubis regelmäßig so schlecht aus wie im Gastgewerbe. Nicht ohne Grund verharren die Abbrecherquoten auf hohem Niveau. Fast jede zweite Kochlehre wird nicht abgeschlossen.

Gastgewerbe braucht Zukunftsplan

Klar ist: Schon vor der Pandemie hatte das Gastgewerbe strukturelle Probleme. Davon wird es nun eingeholt. Wegen des Mangels an Fachkräften müssen die Arbeitgeber eine 180-Grad-Wendung vollziehen. Gemeinsam mit den Beschäftigten und ihrer gewerkschaftlichen Vertretung sollte ein Zukunftsplan entwickelt werden. Dieser muss höhere Löhne, Tarifverträge, vollwertige Arbeitsplätze und bessere Ausbildungsbedingungen enthalten. Das ist ein Rezept für mehr gute Arbeit. Und dann klappt es auch mit dem Personal!

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