Deutscher Gewerkschaftsbund

02.05.2019
#schlaglicht 16/2019

Erntezeit: Wenn der Spargel doppelt bitter schmeckt!

Die Arbeit auf den Äckern wird häufig von so genannten „mobilen Beschäftigten“ erledigt. Häufig bekommen sie nur Niedriglöhne oder gleich gar keinen Lohn. Damit sie ihre Rechte besser durchsetzen können, gibt es in Niedersachsen Beratungsstellen für mobile Beschäftigung. Im Nordwesten gibt es das Angebot leider noch nicht. Mehr dazu im #schlaglicht Nummer 16/2019.

Blühendes Rapsfeld vor blauem Himmel, Bäumen und Windrädern

DGB/uhland38/123rf.com

In Niedersachsen ist gerade die sechste Jahreszeit angebrochen: Überall auf den Feldern wird das weiße Gold aus der Erde geholt und landet auf unzähligen Tellern in Haushalten und Lokalen. Fast jede fünfte Spargelstange stammt aus niedersächsischen Böden. In der Regel ist das ein kulinarischer Genuss. Aber wenn die Qualität der Ware nicht stimmt, kommt es ab und an vor, dass sich ein bitterer Geschmack im Mund einstellt. Der könnte sich sogar noch verstärken. Denn von einem fairen Umgang mit den Beschäftigten, die die Ernte einholen, fehlt bei den Arbeitgebern oft jede Spur!

Der Einsatz mobiler Beschäftigter auf den Feldern wächst
Die Arbeit auf den Äckern wird häufig von „Mobilen Beschäftigten“ erledigt. Das sind Beschäftigte aus dem EU-Ausland, die für eine begrenzte Zeit hierherkommen, um hier zu arbeiten. Doch nicht selten wird Deutschland auf Dauer zu ihrem Lebensmittelpunkt. Mobile Beschäftigte leisten einen wichtigen Beitrag in der Landwirtschaft, dem Baugewerbe, der Fleischindustrie oder der Paketzustellung. Wie viele es genau sind, ist nicht eindeutig erfasst. Gleichwohl zeigen Statistiken, dass insbesondere die Zahl der osteuropäischen Beschäftigten in Niedersachsen seit Jahren deutlich ansteigt. Rund 100.000 von ihnen befinden sich in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis.

Viele von ihnen werden mit niedrigen Löhnen abgespeist
Weil mobile Beschäftigte nur einen Aufenthalt auf Zeit planen, sind sie oftmals schlecht auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet. Vielen mangelt es an den grundlegenden Rechts- und Sprachkenntnissen. Dadurch sind sie im besonderen Maße durch Ausbeutung gefährdet. Und die Arbeitgeber nutzen die Situation leidlich aus. Prekäre Beschäftigungsformen wie Leiharbeit, Soloselbstständigkeit und Werkverträge sind für mobile Beschäftigte an der Tagesordnung. Häufig speist man sie mit Niedriglöhnen ab oder unterschlägt ihnen den Lohn. Zugleich sind sie diejenige Gruppe, die ihre Rechte am schwersten durchsetzen kann. Daher benötigen sie ganz besonders viel Unterstützung.

Top 5 Beratungsthemen bei mobilen Beschäftigten in Niedersachsen

DGB

Deshalb sind vor sechs Jahren mit Förderung des Landes Niedersachsen von der Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN mittlerweile vier Beratungsstellen eingerichtet worden. An den Standorten Braunschweig, Hannover, Lüneburg und Oldenburg beraten acht Personen die mobilen Beschäftigten in allen Fragen zum Arbeitsmarkt. Seit 2013 nutzten über 7.200 Menschen das Angebot. Viele suchen Rat im Falle einer Kündigung oder aufgrund ihres Arbeitsvertrages. Topthema ist aber die Bezahlung: Ein Viertel braucht Hilfe, weil sie um ihren Lohn geprellt werden (siehe Grafik). Denn oft kennt die kriminelle Energie der Arbeitgeber keine Grenzen. Schamlos nutzen sie die Schwächsten aus!

Beratungsstellen leisten wichtige Arbeit - im Nordwesten fehlt Unterstützung
Die Beratungsstellen leisten einen unschätzbaren Beitrag, um mobile Beschäftigte vor Ausbeutung zu schützen. Da gilt es dranzubleiben: Das Wirtschaftsministerium sollte die Gelder weiter aufstocken. Nur mit einer langfristig gesicherten Finanzierung und ausreichend Personal kann möglichst vielen geholfen werden. Da der Bedarf in West-Niedersachsen aktuell besonders hoch ist, sollte in Osnabrück ein zusätzlicher Standort entstehen. Sonst hat während der Erntesaison nicht nur mancher Spargel einen doppelt bitteren Nachgeschmack!

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