Deutscher Gewerkschaftsbund

08.04.2021
#schlaglicht 13/2021

Mehrfachbeschäftigung: Wenn ein Job nicht zum Leben reicht

Nicht erst seit der Pandemie haben viele Beschäftigte mit geringen Einkommen zu kämpfen. Diese zwingen sie häufig in einen Nebenjob. Die Mehrfachbeschäftigung hat um über 160 Prozent zugenommen. Ein unhaltbarer Zustand! Die Lösungen sind klar: Mehr Tarifbindung, ein armutsfester Mindestlohn und weniger prekäre Beschäftigung, fordert das #schlaglicht 13/2021 aus Niedersachsen.

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Teaser Reinigungskräfte Münzen

DGB//mistac/123RF.com

Der niedersächsische Arbeitsmarkt zeigt sich trotz der anhaltenden Corona-Krise ziemlich robust. Wie die Bundesagentur für Arbeit erst kürzlich mitteilte, ist die Arbeitslosigkeit im März sogar leicht zurückgegangen. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist gegenüber dem Vorjahr nahezu konstant geblieben. Das Instrument Kurzarbeit hat seine Wirkung also nicht verfehlt. So weit, so erfreulich.

Schon vor der Pandemie gab es soziale Schieflage

Aber Fakt ist: Auch wenn Arbeitsplätze erhalten wurden, sind viele Menschen einem großen finanziellen Druck ausgesetzt. Das gilt zuerst für die Beschäftigten, die in den vom Lockdown betroffenen Branchen tätig sind. Sie haben aktuell mit herben Einkommensverlusten zu kämpfen. Allerdings gab es bereits vor der Pandemie genug Personen, die aufgrund von Lohndumping mehr schlecht als recht mit ihrer täglichen Arbeit über die Runden kamen.

Mehrfachbeschäftigung um mehr als 160 Prozent gestiegen

Ein untrügliches Zeichen dafür ist die große Zahl der Beschäftigten, die gleichzeitig mehreren Jobs nachgehen (müssen). In Niedersachsen ist das bei mehr als 311.000 von ihnen der Fall. Für sie heißt es: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Die Mehrfachbeschäftigung hat in Niedersachsen einen gewaltigen Boom erlebt und seit 2003 um über 160 Prozent zugenommen (siehe Grafik). Insgesamt hat fast jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einen Nebenjob! Es handelt es sich hierbei längst um kein Randphänomen mehr. Besonders häufig trifft es jene, die im Gastgewerbe, der Gebäudereinigung, im Handel, bei Sicherheitsdiensten oder im Gesundheits- und Sozialwesen tätig sind.

Grafik "Entwicklung der Mehrfachbeschäftigung in Niedersachsen"

DGB

Von Freiwilligkeit kann bei den meisten Mehrfachbeschäftigten keine Rede sein. Konsumrausch und Arbeitsdrang sind neoliberale Ammenmärchen! Nebenjobber verdienen in ihrer Haupttätigkeit durchschnittlich weit über 500 Euro weniger im Monat als andere Beschäftigte. Für ihren Lebensunterhalt brauchen sie daher zusätzliche Einnahmequellen. Zum Beispiel für Wohnraum: Fast zwei Drittel der Haushalte in Niedersachsen mit einem Einkommen zwischen 900 und 1.500 Euro müssen über 30 Prozent ihrer Einkünfte für die Miete ausgeben. Bei der Einkommensgruppe zwischen 1.500 und 2.000 Euro ist dies immer noch fast ein Drittel.

Niedriglöhne treiben Beschäftigte in Nebenjobs

Die Zunahme der Nebenjobs ist direkte Folge von Niedriglöhnen. Deren Ursachen lassen sich klar benennen: Zu viele Betriebe begehen weiterhin Tarifflucht. Nur noch knapp die Hälfte der niedersächsischen Beschäftigten ist tariflich abgesichert. Dazu kommt die politische Forcierung unsicherer Beschäftigungsformen – Minijobs, Leiharbeit und sachgrundlose Befristungen. Als Folge ist eine Grauzone entstanden, in der ein Job oft nicht zum Leben reicht.

Jetzt Aufbruch für gute Arbeit

An dieser Entwicklung zeigt sich, wie sehr einige Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Daraus müssen jetzt die richtigen Lehren gezogen werden. Die Landesregierung hat endlich für mehr bezahlbare Wohnungen zu sorgen. Für höhere Löhne müssen die Tarifbindung gestärkt, der Mindestlohn armutsfest gemacht und prekäre Arbeit zurückgedrängt werden. Pro Beschäftigter ein Arbeitsplatz ist das Maß der Dinge!

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