Deutscher Gewerkschaftsbund

24.09.2020
#schlaglicht 34/2020

Sachgrundlose Befristungen: Nur sichere Arbeit ist gute Arbeit!

272.000 Beschäftigte in Niedersachsen sind nur befristet eingestellt, über die Hälfte davon ohne sachlichen Grund. Seit 2001 hat sich ihre Zahl damit mehr als verdoppelt. Besonders betroffen: verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungen, öffentliche Verwaltung und Universitäten. Was für Arbeitgeber ein prima Geschäft ist, schafft den Beschäftigten große Probleme. Welche das sind, analysiert unser #schaglicht 34/2020. Und es zeigt Wege aus dieser Praxis auf.

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Zwei Miniaturfiguren im Anzug stehen auf einem Kalenderblatt

DGB/TAKASHI HONMA/123rf.com

Eine Kollegin wird demnächst ihre Elternzeit antreten, um gemeinsame Zeit mit dem eigenen Kind verbringen zu können. Ein Kollege ist länger erkrankt und muss deshalb eine berufliche Pause einlegen. Oder für ein zeitlich begrenztes Projekt wird personelle Verstärkung benötigt. In solchen Fällen muss für einen klar definierten Zeitraum Ersatz her. Dafür können Betriebe befristete Arbeitsverträge nutzen. Völlig verständlich in solchen Situation.

Unternehmen nutzen Befristungen auch bei langfristigen Bedarfen
Das Problem: Viele Arbeitgeber nutzen Befristungen nicht nur für das Füllen von temporären Personallücken. Heute werden Beschäftigte oft befristet eingestellt, auch wenn sie langfristige Bedarfe decken sollen. Trotz ständigem Gejammer über mangelnde Fachkräfte unterwerfen Unternehmen sie so de facto einer verlängerten Probezeit. Das ist pure Willkür und geht voll zu Lasten der Beschäftigten. Und vor allem sind diese Praktiken ein Massenphänomen!

Trotz Aufschwung steigt die Zahl der Befristungen kontinuierlich
In Niedersachsen sind gegenwärtig fast 8 Prozent aller Arbeitsverhältnisse befristet. Insgesamt sind 272.000 Beschäftigte betroffen. Ihre Zahl hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Besonders alarmierend: Über die Hälfte aller Befristungen haben keinen betrieblichen Anlass, sondern erfolgen ohne Sachgrund. Seit 2001 hat sich ihre Zahl von 46.000 auf 147.000 erhöht (siehe Grafik). Das entspricht einen Anstieg um mehr als das Dreifache! Trotz Jahren des Aufschwungs hat keine nennenswerte Trendwende stattgefunden. Sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungsbereich erfreuen sich Befristungen weiterhin großer Beliebtheit. Ein sehr hoher Anteil ist auch in der öffentlichen Verwaltung zu finden. An niedersächsischen Universitäten und Hochschulen sind sogar mehr als vier von fünf Stellen beim wissenschaftlichen Personal befristet.

Grafik "Entwicklung der befristeten Arbeitsverhältnisse in Niedersachsen"

DGB

Das ist für die Arbeitgeber ein prima Geschäft. Sie können sich dadurch von ihren unternehmerischen Risiken entlasten und die Beschäftigten bei ersten Schwierigkeiten per Heuer- und Feuer-Mentalität vor die Tür setzen. Für diejenigen, die ein befristetes Arbeitsverhältnis haben, ist es dagegen oft eine Sackgasse. Die Gefahr arbeitslos zu werden, ist viermal so hoch wie bei Unbefristeten. Gleichzeitig arbeiten befristete Beschäftigte viel häufiger im Niedriglohnsektor und haben ein doppelt so hohes Armutsrisiko.

Fehlende berufliche Perspektiven belasten Beschäftigte
Die Folgen davon schlagen unmittelbar auf das Privatleben der Betroffenen durch. Mit einer Befristung schwinden die Chancen auf eine Mietwohnung oder einen Hauskredit. Für Familienplanung fehlt schlicht die langfristige Perspektive, so dass befristete Beschäftigte seltener heiraten und merklich weniger Kinder bekommen.

Berliner Koalition muss sachgrundlose Befristungen zurückdrängen
Klar ist: Für ein planbares Leben müssen die Beschäftigten dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Wenn es für befristete Arbeitsverträge keinen Grund gibt, sind diese auch nicht nötig. Deshalb muss die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode gegen sachgrundlose Befristungen vorgehen. Diese gesetzlich zurückzudrängen, ist im Koalitionsvertrag eindeutig fixiert. Corona kann keine Ausrede sein, jetzt nicht zu handeln. Nur sichere Arbeit ist gute Arbeit!

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