Deutscher Gewerkschaftsbund

27.05.2021
#schlaglicht 20/2021

Erntezeit: Spargel, Erdbeeren & Ausbeutung

Es ist wieder Erntezeit. Die Feldarbeit wird vor allem von mobilen Beschäftigten erledigt. In Niedersachsen gab es erst kürzlich einen Corona-Ausbruch auf einem Spargelhof. Zu miesen Unterkünften und mangelnden Hygienstandards gesellt sich oft noch Lohndumping hinzu. Mehr Schutz für Saisonarbeitskräfte durch die Politik fordert das #schlaglicht 20/2021.

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Arbeiterinnen bei der Erdbeerernte

DGB/123rf/Ruud Moriyn

Schon allein durch seine Fläche ist Niedersachsen ein agrarwirtschaftlich geprägtes Land. Ende Mai läuft die Arbeit auf den Feldern bereits auf Hochtouren. Zurzeit wird überall Spargel gestochen. Und wenn die Sonne noch mitspielt, sind bald auch die Freiland-Erdbeeren soweit. Die Kundschaft kann sich also über frische Ware freuen. Allerdings zahlen die größtenteils aus Osteuropa kommenden mobilen Beschäftigten, die die Ernte hauptsächlich einholen, dafür einen hohen Preis. Soziale Nachhaltigkeit? Oft genug abgemeldet!

Erntehelfer stehen ohne Sozialversicherungsschutz da

Aktuelles Beispiel: Auf Druck der Landwirtschaftslobby hat die Bundesregierung die Situation der Saisonarbeitskräfte deutlich verschärft. Die Möglichkeit der kurzfristigen Beschäftigung wurde von 70 auf 102 Tage verlängert. Bereits im Vorjahr waren durch diese Regelung im Juni über 72.000 Beschäftigte in der Landwirtschaft ohne Sozialversicherung. Über ein Fünftel von ihnen stand auf einem Acker in Niedersachsen (siehe Grafik). Eine ähnliche Größenordnung dürfte nun erneut betroffen sein. Im Bundesrat hat die Landesregierung dennoch keinen Einspruch erhoben. Für billige Arbeitskräfte wird der sozialstaatliche Versicherungsschutz inmitten einer Pandemie weiter ausgehöhlt.

Coronaausbruch auf niedersächsischen Spargelhof

Dabei wäre dieser mehr als nötig. Auf einem Spargelhof im niedersächsischen Kirchdorf ist vor einigen Wochen Corona ausgebrochen. Bis heute haben sich 130 Saisonarbeitskräfte infiziert. Über Wochen durften die negativ getesteten Beschäftigten ihre Quartiere nur für die Schufterei auf den Feldern verlassen. Arbeitsquarantäne schimpft sich diese unsägliche Praxis. In der Zwischenzeit sind noch schwerere Vorwürfe gegen den Betrieb laut geworden. Von vorenthaltenen Löhnen und knappen Lebensmitteln ist die Rede.

Grafik "Verteilung der Beschäftigten ohne Sozialversicherung in der Landwirtschaft"

DGB

Um einen bedauerlichen Einzelfall handelt es sich aber Mitnichten. Bei der Erntearbeit sind miserable Bedingungen eher der Normalzustand. Das beginnt schon bei den Unterkünften: Deren Zustand ist häufig unterirdisch! Neben Baumängeln sind zu wenige und unzureichende Sanitäreinrichtungen keine Seltenheiten. Und trotz Corona wird es auch in diesem Jahr wieder zu Überbelegungen kommen. Hohe Hygienestandards und ein starker Infektionsschutz standen bei vielen Betrieben noch nie oben auf der Prioritätenliste.

Gesetzlicher Mindestlohn wird unterlaufen

Für ihren Knochenjob erhalten die mobilen Beschäftigten offiziell den gesetzlichen Mindestlohn. Aber die Arbeitgeber lassen oft nichts unversucht, um sie selbst darum zu prellen. Zu ihrem erprobten Repertoire zählen fehlerhafte Zeiterfassungen, längere Arbeitszeiten, exorbitante Unterbringungskosten und fehlende Lohnabrechnungen. So funktioniert ein modernes System der Ausbeutung.

Mehr Schutz für mobile Beschäftigte durch Politik erforderlich

Klar ist: Diejenigen, die jedes Jahr das Obst und Gemüse von den Feldern holen, haben eine anständigere Behandlung verdient. Statt der Landwirtschaft den roten Teppich auszurollen, sollte sie an die Kandare genommen werden. Dafür sind u. a. flächendeckende Kontrollen, ein verlässliches Zeiterfassungssystem und strenge Hygienevorschriften für die Betriebe erforderlich. Ebenso muss für mobile Beschäftigte ab dem ersten Tag der Sozialversicherungsschutz gelten. Damit würden Erdbeeren dauerhaft besser schmecken!

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