Deutscher Gewerkschaftsbund

16.01.2020
#schlaglicht 02/2020

Arbeit im Gastgewerbe: Wenn prekär normal ist

Wer in Kneipen, Restaurants oder Hotels beschäftigt ist, arbeitet häufig prekär. Minijobs sind hier auf dem Vormarsch. Doch für viele Beschäftigte - vor allem Frauen - ist das der direkte Weg in die Armut - jetzt und auch später im Alter. Arbeitgeber glauben, so das Fachkräfteproblem in Niedersachsen lösen zu können.  Das #schlaglicht Nummer 02/2020 präsentiert eine erfolgreichere Strategie.

Zu abonnieren ist das #schlaglicht unter https://niedersachsen.dgb.de/service/newsletter

Kellner in der Gastronomie mit mehreren Tellern

DGB/maximkabb/123RF.com

Manche Dinge ändern sich nicht – Jahreswechsel hin oder her: Als kürzlich im politischen Raum über eine strikte Eingrenzung der geringfügigen Beschäftigung (Minijobs) diskutiert wurde, war der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) mal wieder zur Stelle, um gegenzuhalten. Der Minijob sei ein wichtiges Instrument gegen den Mangel an Fachkräften. Statt möglicher Einschränkungen wäre vielmehr eine Anhebung der Verdienstgrenzen geboten. Mit Minijobs gegen Fachkräftemangel? Absurder geht’s nimmer!

Vom Minijob in die (Alters-)Armut

Fakt ist: Minijobs sind eine prekäre Beschäftigungsform, die für die meisten Beschäftigten eine Sackgasse ist. Viele von ihnen – besonders Frauen – bleiben trotz guter Ausbildung oft in der Minijob-Teilzeit-Falle stecken. Auf Angebote für mehr und besser bezahlte Arbeit warten viele vergebens. Von der Steuer- und Abgabenfreiheit profitieren nur die Arbeitgeber. Sie kürzen die Löhne vorab, so dass viele Beschäftigte auf Mindestlohnniveau gedrückt werden. Obendrein fällt durch die Arbeitgeber-Pauschalen und die eigenen Minibeiträge die Rente ziemlich dürftig aus. Minijobs produzieren Altersarmut. Später zahlen das alle Steuerzahler, indem sie die Rente auf Grundrente mit aufstocken müssen.

Prekäre Beschäftigung auf dem Vormarsch

Das Gejammer im Gastgewerbe über den Fachkräftemangel ist ziemlich kurios. Wer Personal braucht und für Beschäftigte attraktiv sein will, müsste eigentlich vollwertige Arbeitsplätze mit langfristigen Perspektiven bieten. Doch dagegen sträubt sich die Branche. Zwar hat es in der vergangen Dekade in Niedersachsen einen Beschäftigungszuwachs gegeben. Aber der geht ausschließlich auf prekäre Arbeitsformen zurück. Seit 2008 hat sich die Zahl der Teilzeitkräfte verdreifacht. Auf den ohnehin schon hohen Bestand an Minijobs sind nochmal 34.000 hinzugekommen. Gleichzeitig sind Vollzeitstellen auf dem Rückmarsch und machen weniger als ein Viertel der Gesamtbeschäftigung aus (siehe Grafik). Immer mehr Beschäftigte werden so zu Gefangenen in der Armutsfalle.

Entwicklung der Beschäftigungsstruktur im niedersächsischen Gastgewerbe

DGB

Wer es ernst meint mit der Gewinnung von qualifizierten Fachkräften, muss die Probleme bei der Wurzel packen. Das fängt bei der Ausbildung an und endet bei der Arbeitsbedingungen samt der Bezahlung. Regelmäßig bekommen die Betriebe im Gastgewerbe eine mangelhafte Benotung von den eigenen Auszubildenden. Ein schlechter Umgangston gehört für viele junge Menschen oft zum Alltag. Nicht ohne Grund verharren die Abbrecherquoten auf hohem Niveau. Außerdem sind nur 40 Prozent der Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Wahrlich kein Aushängeschild für die Branche, wenn sie die eigene Attraktivität dauerhaft erhöhen möchte. Auch nicht in Niedersachsen!

Gute Arbeit gibt es nicht zum Nulltarif

Kurzum: Wer motivierte Beschäftigte will, muss ihnen auch etwas bieten. In kaum einer anderen Branche ist die Fluktuation an Arbeitskräften höher. Die Arbeitgeber im Gastgewerbe müssen sich deshalb an die eigene Nase fassen. Wer prekäre Jobs zur Normalität erklärt, dem mangelt es nicht an Fachkräften, sondern an Einsicht. Das ist aber gewiss keine auf Dauer angelegte Erfolgsstrategie. Bessere Ausbildungsbedingungen und tarifliche Entlohnung dafür umso mehr. Denn Qualität und Service haben schließlich ihren Preis!

 

DOWNLOAD


Nach oben

DIREKT ZU IHRER GEWERKSCHAFT

social media