Deutscher Gewerkschaftsbund

09.07.2020
#schlaglicht 27/2020

Weibliche Beschäftigte: Systemrelevant und unterbezahlt

Frauen werden massiv unterbezahlt. Vor allem in den systemrelevanten Berufen, die das öffentliche Leben aufrechterhalten. Das war schon vor Corona so. Aber die Krise bringt diese Ungerechtigkeit noch viel stärker ins öffentliche Bewusstsein. Es ist deshalb höchste Zeit, gegenzusteuern. Die Erwerbsarbeit von Frauen muss endlich anständig bezahlt werden. Dazu braucht es mehr Tarifverträge und eine Aufwertung der sozialen Berufe, fordert das schlaglicht 27/2020 aus Niedersachsen.

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Ältere Dame im Rollstuhl mit weiblicher Pflegekraft

DGB/Alexander Raths/123RF.com

Rückblende: Lange Schlangen in Supermärkten, volle Krankenhäuser, Überstunden im Labor und in unzähligen anderen Berufsgruppen – auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten viele Beschäftigte mehr als genug zu tun. Durch ihre unverzichtbare Arbeit haben sie die Versorgung der Menschen mit allen lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen sichergestellt. Dafür gebührt ihnen Respekt. Neben ihrer Systemrelevanz weisen diese Tätigkeiten aber noch weitere Parallelen auf: Sie werden überwiegend von Frauen geleistet. Und vor allem sind sie massiv unterbezahlt!

Bezahlung in systemrelevanten Berufen unterduchschnittlich - Frauen besonders betroffen

Fakt ist: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas, das strukturelle Missstände noch sichtbarer macht. Das betrifft gerade die Bezahlung. Während der durchschnittliche Bruttostundenlohn für alle Berufsgruppen bei knapp 17 Euro liegt, sind es in den relevanten Tätigkeiten weniger als 15 Euro. Das kann niemand gerecht finden! Besonders groß fällt die Lücke in vielen weiblich dominierten Berufen – mit mehr als 70 Prozent Frauenanteil – aus. Im Lebensmittelverkauf, der Altenpflege, im Reinigungsgewerbe und Arztpraxen liegen die Stundenverdienste der Beschäftigten weit unter dem Durchschnitt (siehe Grafik). Hinzu kommt noch die Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern. Weibliche Beschäftigte in den systemrelevanten Berufsgruppen erhalten durchschnittlich über ein Zehntel weniger als ihre männlichen Kollegen.

Grafik "Durchschnittliche Bruttostundelöhne in weiblich dominierten Berufen"

DGB

Die Zahlen stehen im eklatanten Widerspruch zu der öffentlichen Anerkennung, die die Beschäftigten in den vergangenen Monaten erfahren haben. Zwar mögen sich Lob und Applaus gut anfühlen. Aber sie bezahlen die Miete nicht. Kommen nicht für notwendige Reparaturen auf. Und sie finanzieren auch keinen Urlaub. Darüber hinaus mindern niedrige Löhne aber nicht nur die Teilhabechancen von Frauen in der Gegenwart. Denn die Altersabsicherung ist direkte Folge des Erwerbslebens. Eine dauerhaft schlechte Bezahlung schickt viele Frauen zwangsläufig in die Altersarmut.

Tarifverträge lassen Gender Pay Gap schrumpfen

Die Gründe für diese schon lang anhaltende Ungerechtigkeit sind vielfältig. Ein Teil ist schlicht auf Diskriminierung sowieso mangelndes Ansehen der Berufe zurückzuführen. Einen weiteren Faktor werden viele Arbeitgeber nicht gerne hören: Denn das beste Mittel für ein höhere Entlohnung sind Tarifverträge. Mit ihnen schrumpft die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern im Schnitt um 10 Prozent. Weibliche Beschäftigte mit Tariflöhnen erhalten fast ein Viertel mehr Gehalt als Frauen in nicht tarifgebundenen Unternehmen. Durch die Tarifflucht vieler Arbeitgeber beträgt die Tarifbindung in Niedersachsen allerdings nur noch 57 Prozent. Diese negative Entwicklung betrifft Frauen besonders stark.

Aufwertung sozialer Berufe JETZT!

Die aktuelle Krise zeigt, wer die Unverzichtbaren sind. Längst haben die Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen mehr Geld verdient. Warme Worte reichen nicht. Eine höhere Tarifbindung ist unabdingbar. Hier sind zuerst die Arbeitgeber gefragt. Aber auch der Gesetzgeber kann unterstützen, indem er öffentliche Aufträge nur noch an tarifgebundene Betriebe vergibt und allgemeinverbindliche Tarifverträge erleichtert. Und bereits gestern hätte die Aufwertung sozialer Berufe erfolgen müssen. Denn Wertschätzung für die Erwerbsarbeit von Frauen lässt sich am Kontostand messen!

 

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