Deutscher Gewerkschaftsbund

01.08.2019
#schlaglicht 26/2019

Handwerk: Mit Fußballpraktiken gegen Fachkräfteverlust?

Dem Handwerk wandern die Fachkräfte ab. Schuld sind niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Eine Ablösezahlung wie im Fußball soll diesen Trend aufhalten. Ob dies der richtige Weg ist oder was das Handwerk selbst tun kann, beleuchtet das #schlaglicht Nummer 26/2019 pünktlich zum Ausbildungsstart.

Handwerkerin mit Kreissäge

DGB_antoniodiaz_123RF.com

Für viele von uns ist der August ein besonders spannender Monat: Erstens startet die schönste Nebensache der Welt in ihre neue Spielzeit. Mit dem Beginn der Fußball-Bundesliga wird es wieder heiß hergehen in den Stadien. Viele Teams haben Transfers getätigt und sich mit Neuzugängen verstärkt. Schließlich soll der sportliche Anschluss nicht verlorengehen. Zweitens beginnt gleich zum Monatsanfang für viele junge Menschen das Berufsleben. Unzählige von ihnen finden den Weg ins Handwerk. Dort nehmen sie eine Ausbildung auf und holen sich das Rüstzeug für ihre Zukunft.

Ablösesumme für Gesellen

Allerdings werden viele nach ihrer Lehre abgeworben oder suchen von sich aus nach einer neuen beruflichen Perspektive. Zwei von drei im Handwerk ausgebildeten Fachkräften arbeiten später in anderen Branchen. Ein Geistesblitz aus Handwerkskreisen soll diesen Aderlass verhindern: Als Entschädigung und um den Anreiz zu mindern, sollen Beschäftigte den Betrieb nach ihrer Ausbildung nur verlassen dürfen, wenn ihr neuer Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt. Die Konkurrenz soll also eine Ablösesumme auf den Tisch legen. Sportpraktiken haben damit Eingang ins Handwerk gefunden. Das lässt bestimmt viele Fußballherzen höherschlagen. Zumindest in Absurdistan!

Abwanderung von Beschäftigten durch Handwerk selbst verschuldet

Klar ist: Wenn Betriebe die Kosten der Ausbildung tragen und im Anschluss viele Fachkräfte verlieren, ist das belastend. Doch anstatt anderen Arbeitgebern ein böses Foulspiel zu unterstellen, sollte sich das Handwerk an die eigene Nase fassen. Seit Jahrzehnten driften die Verdienste auseinander. 2007 betrug der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Vollzeitbeschäftigten im Handwerk und der Gesamtwirtschaft bereits 760 Euro. Eine Dekade später ist die Lücke um weitere 200 Euro angewachsen (siehe Grafik). Kein Wunder, dass viele den Absprung suchen. Will das Handwerk bei den Gesellen punkten, braucht es für seine Attraktivität mehr als leere Imagekampagnen. Dann wechselt auch niemand!

Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste von Vollzeitbeschäftigten

Tarifbindung sichert Fachkräfte

Ein wichtiger Beitrag zur Bindung von Fachkräften sind Tarifverträge. Doch davor sträuben sich viele Handwerksbetriebe. Dabei laufen die Geschäfte blendend: Im ersten Quartal 2019 sind die Umsätze im zulassungspflichtigen Handwerk um satte 6,4 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind nur noch 30 Prozent der Beschäftigten tarifgebunden. Das sind 25 Prozent weniger als in der Gesamtwirtschaft. Damit sind deutliche Abstriche bei Gehalt, Urlaub, Sonderzahlungen und Arbeitszeiten verbunden. Dass die Beschäftigten der Branche den Rücken kehren, kann ihnen deshalb niemand verdenken. Immerhin gilt hierzulande die Berufsfreiheit.

Kosten für Ausbildung gerecht verteilen

Kurzum: Das Handwerk hat es selbst in der Hand, für Fachkräfte attraktiv zu sein. Eine höhere Tarifbindung ist dafür unverzichtbar. Zusätzliche Abhilfe verspricht die Ausbildungsplatzumlage. Sie verteilt die Ausbildungskosten gerechter, weil sich alle Betriebe daran beteiligen. Diejenigen, die dann ausbilden, erhalten dafür Ausgleichszahlungen. In der Bauwirtschaft wirkt sie bereits. Dort liegt die Zahl der Ausbildungsverträge über dem Durchschnitt. Das Handwerk muss hier seine Abwehrhaltung aufgeben. Sonst droht ihm wegen zu vieler Abgänge der Abstieg. Genau so läuft es im Fußball!

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